Der Journalist und Autor Andreas Möller hat ein neues Buch veröffentlicht, das den ländlichen Raum in ein völlig neues Licht rückt. Es heißt „Die Unterschätzten“ und die Chefredakteurin des „Bayerisch Landwirtschaftlichen Wochenblattes“, Mag. Claudia Bockholt, hat es unter dem Titel „Die Unterschätzten“: Weckruf für Deutschland“ in der Ausgabe 28 des BLW besprochen. Ihre Rezension ist bis auf winzige Details voll und ganz auf das Nachbarland Bayerns, also auf Österreich übertragbar. Mit ihrer freundlichen Erlaubnis, wofür wir ganz herzlich danken, bringen wir hier ihren Artikel.
„Die Unterschätzten“: Weckruf für Deutschland
Andreas Möller zeigt in seinem Buch, warum sich unsere Zukunft auf dem Land und mit der Landwirtschaft entscheidet – wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich.
Niemand muss einem Landwirt noch erzählen, dass sich Stadt und Land weit voneinander entfernt haben. Er weiß es längst. Bauernfamilien erleben es, wenn Städter am Wochenende zurück zur Natur wollen – und Schlepperstaub und Stallgerüche als störend empfinden. Bauern lesen kritische Artikel über Glyphosat und Tierwohl aus der Feder von Journalisten, die keinerlei Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit und ihrem Arbeitsalltag haben. Sie erleben Vorurteile und fehlendes Wissen. Kein Wunder: Vor 100 Jahren arbeitete noch jeder dritte Deutsche in der Landwirtschaft. Heute sind es noch 1,2 Prozent.
Das alles ist bekannt. Und dennoch sollte man das Buch „Die Unterschätzten“ des Journalisten und Kommunikationsexperten Dr. Andreas Möller lesen. Es analysiert die Gründe für die Kluft, die sich über die letzten Jahrzehnte aufgetan hat, und wie sie sich wieder schließen könnte. Roter Faden ist die Beziehung des Städters Möller und seines Jugendfreunds Hendrik, ein Landwirt im Osten. Wo sie sich treffen und wo sie einander nicht verstehen.

Möllers Appell: Die städtische Brille absetzen
Die Unterzeile des Buchtitels hat Wucht: „Warum sich unsere Zukunft auf dem Land entscheidet“. Möllers Analyse geht über das Beklagen der Ignoranz von meinungsbildenden städtischen Milieus weit hinaus. Sein Buch versteht er als Appell, den ländlichen Raum und gleichzeitig die Produktionsbedingungen in Deutschland insgesamt in den Blick zu nehmen und „die städtische Brille dabei hin und wieder abzusetzen“. Denn andernfalls, so seine Warnung, „werden nicht nur die Lieferketten erodieren oder die Energiewende scheitern, sondern die Menschen politisch weiter in Richtung der Ränder driften“. In welchem Maß das bereits passiert (ist), dürften die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September zeigen. Möller sieht die Gefahr für unsere liberale Demokratie und fordert zum Gegensteuern auf: „Land und Landwirtschaft stellen in mehrfacher Hinsicht eine Sicherheitsarchitektur in unserer Zeit dar.“
Mittelstand und Landwirtschaft leiden
Basis seines Appells ist die Feststellung, dass Landwirtschaft zu oft ideologisch und nicht ökonomisch betrachtet wird. Sie sei aber Teil des deutschen Mittelstands. Und dem geht es insgesamt nicht gut. Hohe Energiekosten, hohe Pachten, Mieten und Löhne, enorme Belastung durch wuchernde Bürokratie, Preisdruck: Handwerksbetriebe und Selbstständige kennen die Nöte der Landwirtschaft nur zu gut. Auch deshalb schlossen sich den Bauernprotesten 2024 mit Überzeugung so viele Mittelständler an. Möller zieht eine Linie zwischen dem Stellenabbau bei Automobilzulieferern und dem Sterben der Höfe. Für viele, schreibt er, sei sie noch unsichtbar, aber sie zeige, „was eigentlich schiefläuft auf dem Land wie in der Stadt“. Einer seiner Punkte: „Die über Jahre gewachsene Regulierungs- und Abgabenlast ist der Kern einer Entfremdung und maßgeblich für das gesunkene Vertrauen der Menschen in den Goodwill des Staates.“
Das Land badet aus, was in Städten entschieden wird
Ironischerweise, führt Möller aus, müssen die Konsequenzen dessen, was in den Städten entschieden wird, in der Regel die Menschen auf dem Land tragen. Etwa die Energiewende: Windräder und PV-Freiflächenanlagen stehen nicht am Marienplatz oder vor dem Brandenburger Tor. Möller schreibt von einem „kulturellen Machtgefälle“: „Die Stadt sagt, wie das Land zu ticken hat. Zumal die Lasten, vom Verbot der Pflanzenschutzmittel im Obstbau bis zum CO₂-Aufschlag für Verbrennermotoren, eindeutig zu Ungunsten des Landes verteilt sind.“
Unkritisch ist er dabei nicht. Möller merkt auch an, dass Landwirte Nutznießer einer grünen Politik sind, auf die sie sonst so gerne schimpfen, wenn auf ihren Flächen geförderte PV-Anlagen entstehen.
Die Vielzahl der so genannten Hidden Champions untermauert seine Einschätzung, dass die Landbevölkerung ebenso wie ihre Innovationskraft und die Wertschöpfung, die im ländlichen Raum erbracht wird, fast fahrlässig unterschätzt werden. Gerade die menschenleere Natur und die Abwesenheit von Infrastruktur seien immer schon ein Möglichkeitsraum des Technischen gewesen. Das Land biete „Räume zum Experimentieren und Wachsen“. Das Neue sei wirtschaftshistorisch gesehen nicht dort gewachsen, wo Überfluss an ausbeutbaren Rohstoffen herrschte, sondern dort, „wo das Land arm war an Dingen, die andernorts für Wohlstand sorgten. Und der Wille zur Innovation aus Mangel deshalb übermächtig.“
Auch Kirche, Medien und Kultur sind hier gefordert
Das Buch ist gut recherchiert. Der Journalist Andreas Möller unterfüttert seine überzeugenden Thesen mit vielen Statistiken, Daten und Zitaten. Er analysiert klar und ohne Schaum vor dem Mund, sogar mit dem Verweis darauf, dass uns allen etwas mehr Humor und Gelassenheit gut täten. „Uns eint mehr, als uns trennt“, stellt er fest. Nur müsse Deutschland die produzierende Wirtschaft wieder mehr in den Blick nehmen, die immer noch zentral sei für den Zustand des Gemeinwesens und seine Resilienz in Zeiten der Transformation. „Auch Zivilgesellschaft, Kirchen, Medien, Kultur können hier positiv wirken, indem sie den Blick Richtung Land wieder stärker erweitern, anstatt vor allem um die Städte zu kreisen.“ Für die Transformation, wie für fast alle Herausforderungen unserer Zeit, gilt: „Es geht nur miteinander.“
BLW Beitrag: BLW Die Unterschätzten Juli 2026
Foto: Rowohlt, Verena Müller, BLW
