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Wie ticken Agrarjournalisten?

„Agrarjournalisten müssen Journalisten für alle Menschen im ländlichen Raum sein, Wirtschaftsjournalisten, Umweltjournalisten, „Landjournalisten“, „Gesellschaftsjournalisten“, für alle Menschen, wie es in seiner Art der gute Landarzt ist“, umriss vor geraumer Zeit Manfried Welan, Publizist und ehemaliger Wissenschaftler und Regionalpolitiker. Welan verlangte damals von den Agrarjournalisten: „...eine problem- und konfliktorientierte ganzheitliche Schau und Weltanschauung, die mehr als nur eine Sichtweise und Perspektive ermöglicht. Der Landjournalist darf keine Scheinharmonie, keine Scheinheiligkeit, keine heile Familie, keine heile Welt malen; die hat es nie gegeben und wird es nie geben. Es geht vor allem um die Vermittlung der neuen weltweiten und europäischen Rahmenbedingungen. Der Landjournalismus muss Zukunftsszenarien für den ländlichen Raum entwickeln, um zu orientieren und ein Möglichkeitsdenken zu vermitteln.“

So weit Manfried Welan, der in diesem Text aus dem Jahr 2000 die Herausforderungen des Jahres 2011 vorwegnahm. Agrarier und deren mediale Umwelt stehen heute in und mit der Landwirtschaft vor einem Wendepunkt, der ob der Ungewissheit des Ausgangs mehr denn je zuvor professionelle journalistische Begleitung, Erklärung und Übersetzung braucht.

Wendepunkt? Nun, neben der Vorbereitung auf die nächste Legislaturperiode der Europäischen Union, die 2014 beginnt und um deren inhaltliche und budgetäre Ausgestaltung dieser Tage und Monate vor und hinter den Kulissen heftig und mit allen sauberen und schmutzigen Tricks gerungen wird, erlebt die bäuerliche Welt (und mit ihr der agrarische Journalismus) gerade einen Paradigmenwechsel, der sie schlichtweg verunsichert.

Der Agrarjournalismus, aber auch die Agrarpolitik, sind heute mit dem selben Phänomen konfrontiert. Immer weniger Leute stammen direkt von einem Bauernhof ab oder haben engere Verwandte in der Land- und Forstwirtschaft. Doch je weniger Menschen die Landwirtschaft und ihre tagtäglichen Abläufe, das Wachsen und Vergehen, das Säen, Pflegen und Ernten der Pflanzen, das Aufziehen, aber auch das Schlachten der Tiere, direkt erleben, desto fremder und exotischer, ja nachgerade gefährlich wird für sie die Welt der Bauern; auch in der Berichterstattung. Dann werden einerseits sprechende Schweine zum Inbegriff artgerechter Tierhaltung, da mutieren Pflanzenschützer taxfrei zu Giftmördern und auf der anderen Seite werden aus populistischen Krakelern vielfach bejubelte „Agrarrebellen“.

Konnte man noch vor einer halben Journalisten-Generation das kleine Ein-mal-Eins der Landwirtschaft voraussetzen (nicht zuletzt auch deshalb, weil der oder die Publizistin via engere Verwandtschaft das Leben auf einem Bauernhof frühzeitig kennengelernt hat), so hat die Abwanderung aus der agrarischen Welt das Wissen um die „Basics“ verschüttet.

Diese nicht einfache Situation vor Augen, wollte der Agrarjournalistenverband (VAÖ; Verband der Agrarjournalisten und -publizisten in Österreich) mehr über seine Mitglieder und somit über den Agrarjournalismus in Österreich wissen. Wie ticken Österreichs Agrarjournalistinnen und Agrarjournalisten?

Der VAÖ beauftragte das Institut oekonsult mit einer breiten Befragung. Institutsleiter Joschi Schillhab riet zur Vollbefragung via Internet, die hohe Rücklaufquote bestätigte seine vorgeschlagene Methode. Die Umfrage unter den Mitgliedern wurde zwischen 13. Jänner und 3. Februar 2011 durchgeführt. Alle rund 300 VAÖ-Mitglieder waren eingeladen, via Internet an dieser Befragung teilzunehmen, insgesamt 114 Kolleginnen und Kollegen aus ganz Österreich stürzten sich auf die 16 Fragen.

 

Mitgliederbefragung 2011

Download der VAÖ Mitgliederbefragung 2011

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der Studie?

Betrachtet man das Gros der agrarischen Medien, so dominieren prima vista Inserate und Firmenberichte aus dem Landtechnikbereich ebenso, wie die Aussagen der wichtigsten politischen Player in der Welt der Bauern. Je nach Ausrichtung des Mediums werden diese Äußerungen mehr oder weniger kritisch kommentiert. Stellt man dem äußeren Erscheinungsbild der landwirtschaftlichen Medien, die in Zeitungsform geballt auf jedem heimischen Hof vertreten sind, die Interessen der darin schreibenden Damen und Herren gegenüber, zeigt sich Erstaunliches: Der Wunsch der Redakteurinnen und Redakteure nach Themen, die ihnen sehr wichtig sind, richtet sich nicht auf die im Blatt (auch als Werbung) übermächtige Technik, sondern die (als Werbung unsichtbare) EU-Agrarpolitik. Konkret führt die EU-Agrarpolitik mit 60% vor der nationalen Agrarpolitik mit 58 % und dem Thema Lebensmittel und Handel mit 56%. Danach kommen die Erneuerbare Energie mit 51% und die Agrarökonomik mit 43%. Ziemlich weit abgeschlagen, nämlich an letzter Stelle, firmiert erst das Thema Landmaschinen mit 12%. Tierhaltung, Pflanzenbau, neue Einkommensmöglichkeiten, ja selbst Nachhaltiges Bauen, Wohnen, Leben schlugen Landtechnik & Industrie um Längen und erreichten zwischen 31 und 37 Prozent.

 

Ein ähnlich gelagertes Ergebnis brachte auch die Frage nach jene Veranstaltungen, die der Verband in Zukunft verstärkt anbieten und jene, die er eher bleiben lassen sollte. Auch hier dominierte die pure Sachlichkeit, der Wunsch nach Fachwissen: An erster Stelle nannten die Umfrage-Teilnehmer die Hintergrundgespräche (63%), gefolgt von Pressekonferenzen mit 56%, E-Mail-Nachrichten mit 55% und Presseaussendungen mit 50%. Eine gleich hohe Quote erreichte die Netzwerkarbeit, die im Tornister eines jeden erfolgreichen Journalisten als Tool nicht fehlen darf.

 

Welche fachlichen Informationen sollen also geboten werden?

Hier wollen die Vertreter der schreibenden, fotografierenden oder sonst wie Bericht erstattenden Zunft sich selbst im Mittelpunkt wissen und verlangen mit 59% mehr über den Agrarjournalismus selbst. Erst danach stehen auf der Wunschliste agrarische Fachthemen (46%) und schließlich Personalia (43%). Ergänzt wird die Wunschliste mit Begehrlichkeiten nach Informationen „speziell für die Bäuerinnen“, nach „Infos, die nicht direkt die Landwirtschaft betreffen, wohl aber Auswirkungen auf die Land- und Forstwirtschaft haben können“ und nach mehr Wissensvermittlung über die Bereiche „Marketing, Konsumenten-Orientierung, Image der Bauern aber auch nach Interviews mit ausländischen Agrarjournalisten oder Ergebnissen jüngster agrarischer Forschungen.

 

Möglich wurde diese Form der Beantwortung durch die im Fragebogen angebotene Kombination von geschlossenen und offenen Fragen.

 

Auch die Vorteile einer Mitgliedschaft im Agrarjournalistenverband wurden abgefragt und auf vielfältigste Weise beantwortet, doch lassen sich alle Antworten recht einfach auf ein Wort reduzieren: Netzwerk (dieses kommt de facto in jeder Antwort vor). Die übrigen Antworten sind Presseausweis, Bahnkarte und sonstige Informations- und Beratungsleistungen.

Nun noch ein paar Daten zu jenen Kolleginnen und Kollegen, die mitgemacht haben: Es war 68,42% Männer und 28,95% Frauen. Das Durchschnittsalter war mit 40 bis 50 Jahren recht hoch (31,6%), jüngere Agrarjournalistinnen und deren männlichen Kollegen meldeten sich nur vereinzelt zu Wort (5,26%). Die 30 bis 40jährigen nahmen zu 18,4% an der Befragung teil, die 50 bis 60jährigen zu 21,9%.

 

Welche journalistischen Tätigkeiten üben die Agrarjournalisten in Österreich im einzelnen aus?

30,87% verdienen sich ihr Brot als Redakteure in einem Printmedium, 18,1% als (meist nebenberufliche) Fachautoren. Das sind vor allem jene Kolleginnen und Kollegen in Universitäten, Höheren Bildungseinrichtungen und Interessenvertretungen, die ihr Fachwissen in Artikelform zur Verfügung stellen. 16,1% sind als Redakteure in nicht-agrarischen Printmedien tätig, 14,8% als Pressesprecher in agrarischen Organisationen und 11,4% befassen sich redaktionell mit Internet-Content. Nur 1,3% sind in Hörfunk oder Fernsehen engagiert.

 

Und wo sind jene Menschen zu Hause, die tagtäglich den ländlichen Raum zum Inhalt ihrer Arbeit machen?

40,4% sind journalistisch in der Bundeshauptstadt Wien tätig. 18,4% verdienen sich publizistische Sporen im „Agrarland Nr. 1“, in Niederösterreich, gefolgt von der Steiermark mit 14,9% und Oberösterreich mit knapp 10%. Aus dem statistischen „Rest“ der Bundesländer ragt nur Salzburg mit 4,4% heraus.





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