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Landwirtschaft in der Schweiz – weit mehr als Almabtrieb und Alphorn

VAÖ-Mitglied Markus Habisch über die zunehmende Kritik der Gesellschaft an der Art und Weise der aktuellen Landwirtschaft in der Schweiz

Die vom Schweizer Agrarjournalistenverband für den IFAJ (Internationaler Agrarjournalistenverband) organisierte Reise führte die 40 Journalistinnen und Journalisten, die nicht nur aus europäischen Ländern wie Dänemark, Litauen oder eben Österreich anreisten, sondern auch aus Argentinien, Ghana oder Bangladesch kamen, in die Entlebucher Katastralgemeinde Heiligkreuz im schweizerischen Kanton Luzern, nicht weit vom Vierwaldstättersee.

 

Im Mittelpunkt stand eine Betrachtung der schweizerischen Landwirtschaft rund um die aktuell in der Schweiz kurz vor oder nach der Volksabstimmung befindlichen Initiativen zu verschiedensten die Landwirtschaft betreffenden Aspekten durch Vertreter der Landwirtschaft, der NGOs, der Wissenschaft und Forschung und natürlich die Betreiber der Initiativen.

 

Einige der Pläne im Detail

Die von den Grünen lancierte Fair-Food-Initiative (https://fair-food.ch) dreht sich zum Großteil um Standards für importierte Produkte und ebenso eine noch ressourcen- tier- und menschenschonendere Produktionsweise inländischer Produkte, was in der Schweiz mit ihren teilweise die österreichischen Standards übertreffenden Regulatorien für die eidgenössische Bauernschaft nur schwer durchführbar würde. Bei der Abstimmung am 23. September stimmten 61,3 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Nein.

 

Die Initiative für Ernährungssouveränität (https://initiative-souverainete-alimentaire.ch) wurde von einer Bauerngewerkschaft (Uniterre) und weiterer Organisationen ins Leben gerufen. Der Initiativtext umfasst verschiedenste Forderungen aus unterschiedlichen Bereichen der Landwirtschaft, wobei es meist um eine stärkere staatliche Einbindung der geht. Kritiker sprechen von zu großer staatlicher Kontrolle der Landwirtschaft, gar von einer „Sowjetisierung“ der Landwirtschaft war im Vorfeld die Rede. Bei der Abstimmung am 23. September wurde zu 69,4 Prozent mit Nein gestimmt.

 

Die Hornkuh-Initiative (https://www.hornkuh.ch/de/home/) geht dabei auf den praktizierenden Bauern Armin Capaul, einem echten Original, diese Anmerkung sei an dieser Stelle erlaubt, zurück. Bäuerinnen und Bauern, die davon absehen, ihre Kühe zu enthornen, sollen mit einer zusätzlichen finanziellen Zuwendung durch den Staat unterstützt werden. Kritiker bemängeln hier, dass eine solche Forderung nicht auf Verfassungsstufe geregelt werden soll, allerdings hat der hartnäckige Schweizer Bauer bereits sämtliche „mildere“ Varianten für seine Anliegen – erfolglos – zu nutzen versucht. Die Schweizer sehen der Abstimmung am 25. November mit großem Interesse entgegen, hier zeichnet sich bei den genannten Initiativen am ehesten eine überwiegende Zustimmung ab.

 

Gesellschaft und Landwirtschaft

Im Zuge der spannenden Vorträge zu dem Generalthema Verhältnis von Landwirtschaft und Gesellschaft kamen unter anderem Dr. Bernhard Lehmann, Direktor der Schweizer Bundesanstalt für Landwirtschaft und Bear Röösli, Referent für Internationale Landwirtschaft im Schweizer Bauernverband zu Wort. Neben den bereits obengenannten Initiativen wurden die bevorstehenden Initiativen für „Sauberes Trinkwasser“ und das Referendum gegen Massentierhaltung ebenfalls vorgestellt.

 

Einen breiten Teil der Vorträge nahm die Rolle der Medien in Bezug auf die Diskussion um Lebensmittel und Landwirtschaft ein, Roland Wyss Arni, Präsident des Schweizer Agrarjournalistenverbandes analysierte die mediale Begleitung anhand der aktuell in der Schweiz stattfindenden Referenden.

 

Die Frage stellt sich insgesamt, wie die Schweizer Bäuerinnen und Bauern mit noch strengeren Richtlinien, wie in den nahenden Referenden für das saubere Wasser und gegen die Massentierhaltung gefordert, umgehen können. Als Beispiel sei hier angeführt, dass Schweizer Landwirte schon jetzt auf eine Höchstzahl von 100 Muttersauen pro Betrieb begrenzt sind. Die Lebensmittelpreise in der Schweiz sind – auch im Vergleich zu Österreich – exorbitant hoch, die Schweiz ist summa summarum zu 50 Prozent auf den Import von Lebensmitteln angewiesen.

 

Schweizer Alpidylle

Neben den fachlichen Diskussionen durfte ein atemberaubender Blick hinter die Kulissen praktizierter Schweizer Landwirtschaft natürlich nicht fehlen.

 

Die Familie Theiler bewirtschaftet die Alm Äbnistetten. Mit 45 Kühen und fast noch einmal so vielen Jungtieren verbringen sie hier 135 Tage den Almsommer auf einer Seehöhe von 1250 Metern. Heuer konnte die Rekordmeng von zehn Tonnen Käse produziert werden. Davon werden knapp neun Tonnen über den Großhändler Intercheese vermarktet und eine Tonne direkt auf der Alm verkauft. Dagegen haben sich Rita und Beat Wigger dazu entschieden, ihre 20 Hektar steilen bergbäuerlichen Flächen mithilfe von 80 Ziegen zu bewirtschaften. Die Nebenerwerbslandwirte produzieren sowohl verschiedene Frisch- und Hartkäsesorten als auch Fleisch und Wurstprodukte.

 

Den „touristischen Höhepunkt“ der Reise bildete der in der Schweiz Almabfahrt genannte Almabtrieb in der Gemeinde Schüpfheim, wo mehr als 10.000 Besucherinnen und Besucher die herrlich geschmückten Tiere, die von den umliegenden Almen ins Tal gebracht worden sind, bewundern konnten. Am Sonntag vor der Heimreise besichtigte die Delegation in Kaltbach die Zentrale der Schweizer Emmentalerherstellung. Hier ist der Reifestollen der Firma EMMI angesiedelt, in dem Stollenlabyrinth reifen insgesamt mehr als 600 Tonnen Schweizer Käse.

 

Fazit

Wie es im Fußball scheinbar fast ein ganzes Volk voller Trainer gibt, sind sehr viele Leute selbsternannte Agrarexperten, die sich berufen fühlen, über die Art der Landwirtschaft zu entscheiden. Aber es gibt auch eine große Verantwortung der Landwirtschaft in Bezug auf die Ernährungssouveränität, den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen und zur Erhaltung der so geschätzten und für zahlreiche Aktivitäten von allen genutzten Kulturlandschaft. Die Landwirtschaft ist ein höchst komplexes Gebilde, eingebettet in regionale Wirtschaftskreisläufe, aber auch in die vernetzten globalen Produktions- und Handelsströme, als dass man mit dem höchst interessanten Ausschnitt über die aktuelle Situation in der Schweiz die Frage nach richtig oder falsch in der zukünftigen Ausrichtung der Landwirtschaft endgültig klären könnte.

 

Die Landwirte und die Konsumenten müssen die Diskussion suchen, die Gesellschaft soll sehen, wie die Landwirtschaft produziert, die Bäuerinnen und Bauern dürfen sich aber auch selbstbewusst hinstellen und sagen, „Seht her, wir produzieren jeden Tag Lebensmittel und Lebensraum in höchster Qualität.“

 

 

 

BU Fotos:

Kaltbach Käsestollen: Nur ein kleiner Ausschnitt aus dem weitverzweigten Stollenlabyrinth im Kaltbacher Käsestollen.

 

 

Alle Bilder: Markus Habisch

 

 

 

 





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