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Hell in China: Zwei weitere Stories

Wie berichtet, waren die VAÖ-Mitglieder Mag. Elisabeth Hell („Raiffeisenzeitung“) und Ing. Markus Habisch („Neues Land“) im Rahmen einer E4D-Reise („Exposure for Development“-trip) des internationalen Agrarjournalisten-Verbandes IFAJ in China. Hier zwei Berichte von Elisabeth Hell.

Chinas Appetit auf Milch steigt
Die Milchwirtschaft in China ist eine junge und höchst dynamische Industrie. Produktion, Konsum und Qualität steigen rasant.


Von Elisabeth Hell

2.000 Kühe auf einem Hof – der Lokalaugenschein in einem Milchbetrieb rund 200 Kilometer außerhalb von Peking versetzt wohl viele Österreicher, wo durchschnittlich 17,5 Milchkühe pro Betrieb gehalten werden, in Staunen. Die Milchfarm der Sunlon Livestock Company zählt dabei nur zu den mittelgroßen Betrieben. Farmen mit bis zu 10.000 Kühen sind in China keine Seltenheit. Die Chinesen nennen diese Betriebe „Kuhhotels“, denn oft stellen mehrere Bauern oder Investoren ihre Milchkühe in einem Hof gemeinsam ein.
Die Zeit, in der Bauern ihre Kühe in sogenannten Milchdörfern zu einer gemeinsamen Melkmaschine geführt haben, ist noch nicht lange vorbei. Die Geschichte der Milchproduktion in China ist kurz: Erst vor 30 Jahren hat China die Produktion begonnen, während die Ursprünge in Europa weit mehr als 100 Jahre zurückliegen. Der Schwede Gustav de Laval hat im Jahr 1878 den ersten Milch-Separator erfunden und 1917 das Patent für eine Melkmaschine angemeldet. Heute ist das schwedische Unternehmen DeLaval auch in China sehr aktiv.
„Die Milchwirtschaft ist in China eine junge Industrie. Allerdings durchlaufen sie die Entwicklung im Schnelldurchlauf“, erklärt Sören Lundin, DeLaval-Manager für die Region Asien & Pazifik, und ergänzt: „Wir sehen in China großes Potenzial, deshalb tätigt DeLaval derzeit die größten Investitionen in China.“

Großproduktion
In den vergangenen Jahren ist die Milchproduktion in China jährlich um rund 10 Prozent angestiegen. Im Vorjahr wurden 37,5 Mio. Tonnen Milch produziert, damit trägt China 5,6 Prozent zur weltweiten Milchproduktion bei. Die Produktionssteigerung kommt von einer größeren Anzahl an Kühen. Während es im Jahr 1990 rund 2,7 Millionen Milchkühe in China gab, sind es heute 15 Millionen in 13.400 Milchbetrieben.
60 Prozent der Milch kommt derzeit von Farmen mit über 200 Tieren. In China wird der Wandel zu immer größeren Milchbetrieben von Regierungsseite forciert. Anders als in Europa werden die kleinen Bauern nicht gefördert, sondern eher in die Stadt getrieben. „Für einen Bauern mit weniger als 100 Milchkühen gibt es keine Zukunft“, betont Lundin. Für ein profitables Wirtschaften seien mindestens 500 bis 1.000 Kühe notwendig, allerdings hätten auch Betriebe mit 10.000 Kühen keine Zukunft, denn gerade bei Großbauern reduziert sich wiederum die Milchleistung je Kuh.
Eine Kuh in China produziert im Durchschnitt 5 Tonnen Milch jährlich, wobei die Milchproduktion im Osten und Nordosten deutlich besser ist als im Westen Chinas. Zum Vergleich, die Jahresmilchleistung liegt international zwischen 8 und 12 Tonnen. Trotzdem können die Chinesen zu aktuellen Weltmarktpreisen profitabel produzieren.
Chinas Milchexperten führen die geringe Milchleistung auf das geringe Know-how in der Tierhaltung und Technik zurück. „Es gibt noch immer eine Lücke zu internationalen Standards und Entwicklungen“, berichtet Gu Jicheng, Generalsekretär des chinesischen Molkereiverbandes DAC. Anders als in den Niederlanden oder Dänemark gibt es in China keine Regulierung der technischen Qualität. Mit besserer Ausbildung und neuen Maschinen werden in China punktuell bereits 40 bis 42 Kilogramm pro Kuh erreicht.

Notwendige Importe
Trotz Produktionssteigerung ist China weiterhin auf Milch-Importe angewiesen. Im Vorjahr wurden knapp 10 Mio. Tonnen Milch importiert; für 2020 rechnen chinesische Analysten mit einer Menge von fast 16 Mio. Tonnen. Für die EU ist China der drittgrößte Exportmarkt von Magermilchpulver, im Vorjahr wurden 54.300 Tonnen nach China verschickt. Mit 18.165 Tonnen Vollmilchpulver belegte China bei den Exportdestinationen im Jahr 2015 den siebten Rang.
Die österreichische Milchwirtschaft hat im Vorjahr Waren im Wert von rund 8,9 Mio. Euro nach China geliefert, damit beträgt der Anteil an den Gesamtmilchexporten lediglich 0,77 Prozent. Während der Export von Milchpulver rückgängig ist, steigt die Nachfrage nach anderen Milchprodukten und Käse aus Österreich kontinuierlich an.
Der steigende Appetit der Chinesen nach Milchprodukten wird mit der „Verwestlichung“ der Ernährungsgewohnheiten begründet. Während früher zum Frühstück noch groß aufgekocht wurde, greifen die Chinesen im Zeitdruck immer öfter zu Joghurt und Milch.
Die Konsumspitzen erreicht China zu seinen wichtigsten Feiertagen rund um Neujahr und das Mondfest im Herbst. Milch in Geschenkverpackung ist dabei der Hit als Mitbringsel für Familienfeiern.
Das Ende der Einkindpolitik – seit 2016 sind pro Familie wieder zwei Kinder erlaubt – dürfte den Milchkonsum noch weiter erhöhen. Während im Jahr 1970 durchschnittlich nur ein Kilogramm Milch pro Person konsumiert wurde, waren es im Jahr 2000 bereits 7 Kilogramm. Im Vorjahr lag der Milchkonsum bei 36,1 Kilogramm pro Einwohner, obwohl etwa 90 Prozent der Chinesen an Laktoseintoleranz leiden. Zum Vergleich in Österreich wurden 2015 pro Kopf 76,4 Kilogramm Milch konsumiert.
Dieser Wert werde in China wohl schwer zu toppen sein, prognostiziert William Smits, bei DeLaval für Farm-Management und Milchqualität verantwortlich: „Die Chinesen trinken nicht unbedingt viel mehr Milch, aber achten immer stärker auf die Qualität und sind bereit dafür mehr Geld auszugeben.“

Qualitätsbewusstsein

Mit der steigenden Lebensqualität steigt die Qualität der Milch, darüber sind sich alle Experten einig. Mit steigender Qualität versprechen sich die chinesischen Bauern auch bessere Preise. Der Konsument schenkt der Qualität bereits seit 2008, seit der Aufdeckung des Melamin-Skandals, größere Aufmerksamkeit. Damals wurde Melamin – ein Kunststoffvorprodukt – in Milchprodukte eingemischt, um einen hohen Proteinanteil vorzutäuschen. Sechs Säuglinge mussten sterben und knapp 300.000 Babys erlitten eine Nierenerkrankung. Als Folge des Milchskandals führte die chinesische Regierung schärfere Produktkontrollen ein. Trotz allem wurde seit 2008 erheblich mehr Milch und Babynahrung aus Ländern mit hohen Qualitätskontrollen nachgefragt. Allein aus Österreich hat China im Vorjahr Kindernährmittel im Wert von knapp 12 Mio. Euro importiert.
China ist ein Hoffnungsmarkt in der Milchwirtschaft, aber auch bei Käse. Österreich hat 2015 Käse im Wert von rund 1,8 Mio. Euro nach China exportiert, das war ein Plus von 22 Prozent im Vergleich zum Jahr davor. Käse ist in China noch ein Nischenmarkt, aber ihm wird eine glorreiche Zukunft vorhergesagt. „Wenn die Chinesen so viel Käse essen wie die westliche Gesellschaft, dann könnte die weltweite Käseproduktion die Nachfrage nicht decken“, veranschaulicht Gu Jicheng und genau deshalb sieht er die Molkereiwirtschaft in China als Schlüssel-industrie und Zukunftsmarkt.

Genossenschaftsboom in China
Immer mehr Bauern schließen sich zusammen, um produktiver und effizienter zu wirtschaften. Konsolidierung und Technisierung sollen den Selbstversorgungsgrad in China erhöhen.


Von Elisabeth Hell aus China

Was einer nicht schafft, das vermögen viele. In China sind es bald 1,4 Milliarden Menschen und der Leitsatz der Genossenschaft avanciert immer mehr zur chinesischen Weisheit, wie eine Studienreise ins Reich der Mitte zeigt.
Shunyi ist ein Stadtbezirk der 21-Millionen-Einwohner-Metropole Peking und Standort der Beijing Xingnongtianli Agricultural Machinery Cooperative. Die Genossenschaft zählt 365 Mitglieder und verfügt über 281 Landwirtschaftsmaschinen. Gemeinsam wird eine Fläche von rund 30.000 mu, das sind umgerechnet etwa 20.000 Hektar, vorwiegend mit Getreide bewirtschaftet. Die Maschinengenossenschaft bietet ihre Services darüber hinaus in vier angrenzenden Bezirken an. „Wir verbinden Nachbarschaften, teilen Ressourcen, vermitteln technisches Know-how und schützen damit jeden Bauern“, berichtet Chen Ling, Präsident dieser Genossenschaft. Zusätzlich bekommen die Mitglieder, die für die Genossenschaft arbeiten, ein gesichertes monatliches Einkommen und sind sozialversichert.
In China schließen sich immer mehr Bauern einer Genossenschaft an. In der Region um Shunyi ist mittlerweile jeder fünfte Bauer ein Genossenschafter. Allein in den vergangenen neun Jahren wurden in China 40.000 Maschinengenossenschaften gegründet. Begünstigt hat diese starke Entwicklung ein seit 2007 gültiges Gesetz, das Genossenschaften als juristische Personen anerkennt und somit anderen Organisationsformen gleichstellt. Warum die chinesische Regierung die Entwicklung der Genossenschaften unterstützt, erklärt Lin Yang, Vizepräsident der regierungsnahen „Organisation zur landwirtschaftlichen Mechanisierung“, so: „Genossenschaften haben mehr Kraft und Geld, um bessere und größere Maschinen zu kaufen. Sie sind für den Fortschritt der Technik und die gestiegene Produktivität verantwortlich.“ Die Lebensmittelproduktion und -sicherheit hat im chinesischen Fünfjahresplan oberste Priorität.
Essen ist in China längst zu einer politischen Herausforderung geworden, denn das Land zählt 22 Prozent der Weltbevölkerung, aber nur weniger als 7 Prozent der weltweiten Agrarflächen. Die Bevölkerungszahl wächst um 0,5 Prozent jährlich und gleichzeitig schreitet die Verstädterung um 1 Prozent voran. Während im Jahr 2000 noch 62 Prozent der Bevölkerung am Land lebten, werden im Jahr 2020 schon 62 Prozent in der Stadt wohnen und die Tendenz ist steigend.


Mit steigendem Lebensstandard ändern sich auch die Ernährungsgewohnheiten der Chinesen. Fleisch, Milch und Fisch verdrängen Getreide und Gemüse zusehends vom Speiseplan. Trotz all dieser Entwicklungen soll der Selbstversorgungsgrad in China bis zum Jahr 2020 auf über 95 Prozent erhöht werden, so das ambitionierte Ziel des Fünfjahresplans. China ist zwar der größte Getreideproduzent der Welt, aber die Eigenversorgung liegt aktuell unter 90 Prozent. Generell soll nicht nur die Menge an Agrarprodukten, sondern deren Qualität ebenfalls steigen. Bio ist auch in China auf dem Vormarsch.
Um das Volk aus eigener Kraft ernähren zu können, treibt die chinesische Führung den industriellen Ausbau der Agrarwirtschaft kräftig voran. Die Getreideproduktion wird kontinuierlich gesteigert und die Versorgung mit Agrarprodukten immer vielfältiger. Chinesen seien aber ein sehr konservatives Volk, deshalb brauche es viel Zeit und Geduld, um die Denkweise der Bauern zu ändern, so Lin Yang. Der Plan zu mehr Produktivität soll deshalb nicht top-down angeordnet, sondern von Hof zu Hof getragen werden.

Mehr Technik
Neben der Zusammenlegung von Agrarflächen – zur effizienteren Bewirtschaftung – wird die Technisierung der Landwirtschaft als wichtigster Ansatzpunkt betrachtet. „Die Jugend ist an Landwirtschaft nicht interessiert, deshalb können wir in Zukunft nur auf die Maschinen vertrauen“, spitzt es Chen Zhi, Präsident der Vereinigung der Agrarmaschinenhersteller CAAMM, zu. Der Mechanisierungsgrad liegt im Norden Chinas aktuell bei über 70 Prozent, Richtung Süden wird der Maschineneinsatz allerdings immer seltener. Bis 2020 soll die Mechanisierung über das ganz Land gesehen einen Anteil von mehr als 68 Prozent erreichen, bei den drei Hauptfrüchten Weizen, Reis und Mais soll sie sogar auf über 80 Prozent gesteigert werden. Die Bildung neuer Genossenschaften soll die technischen Neuerungen auch weiterhin vorantreiben.
Mit 400.000 Traktoren ist zwar die Verkaufszahl im Vorjahr gesunken, dafür werden die Fahrzeuge immer größer, stärker und die Marke spielt eine wichtigere Rolle. Großbauern bzw. Genossenschaften sind bereit, für einen Markentraktor wie etwa John Deere oder Massey Ferguson umgerechnet 30.000 Euro zu zahlen, obwohl das gleiche PS-Fahrzeug eines lokalen Herstellers um 7.000 Euro weniger kosten würde. Insgesamt können die Landwirte aus 200 Traktorenmarken wählen.
Das Wachstumspotenzial in China wird natürlich von international führenden Herstellern und Händlern von Landtechnik erkannt. Allein im Vorjahr ist dieser Industriezweig um 8 Prozent gewachsen, während das gesamte Wirtschaftswachstum „nur“ ein Plus von 6,9 Prozent erreichte. Diese Outperformance dürfte auch in den nächsten Jahren zu sehen sein.

Große Vielfalt
„China ist ein großer und vielfältiger Markt, der einen maßgeschneiderten Ansatz für jedes einzelne Marktsegment erfordert“, weiß Gary Collar, AGCO-Geschäftsführer für die Region Asien. Das US-Unternehmen AGCO ist seit 2010 in China aktiv und arbeitet im Vertrieb eng mit lokalen Händlern zusammen.
China ist mit sechs verschiedenen Klimazonen so vielfältig wie die Geographie: Im Westen, Norden und Nordosten herrscht ausgeprägtes Kontinentalklima mit sehr kalten Wintern und heißen Sommern. Im Süden ist das Klima hingegen subtropisch bis tropisch. Landwirtschaft wird vor allem in der südöstlichen Hälfte des Landes intensiv betrieben. AGCO hat deshalb 2011 ein neues Werk in der Nähe von Shanghai errichtet. Gut ausgebildete Mitarbeiter, die gute Verkehrsanbindung und die politische Unterstützung durch steuerliche Begünstigungen haben in den vergangenen Jahren viele Maschinenhersteller in China ansiedeln lassen.

Lokale Überflieger
Die Technik schreitet zügig voran und so verwundert es wenig, als am Stadtrand von Yancheng eine Drohne über ein Reisfeld fliegt. Die Drohne gehört zur Maschinengenossenschaft Jianhu Lantian. Deren Geschäftsführer Lan Jiasheng lenkt die Drohne mit einer gekonnten Leichtigkeit über das Feld und erzählt: „Wir nutzen die Drohne hauptsächlich zum Pflanzenschutz. 53.000 Renminbi hat sie gekostet, das ist nicht teuer.“ Umgerechnet sind das rund 7.000 Euro. Der Bauer, der das Reisfeld bewirtschaftet, ist überzeugter Genossenschafter und schätzt neben dem Einsatz neuester Technik, die er sich allein nicht leisten könnte, auch Service und Ausbildung: „Als Genossenschaftsmitglied ist vieles einfacher.“
Die Entwicklungshilfe durch Genossenschaften, um als Bauer langfristig überleben zu können, ist aber noch nicht überall angekommen, wie die Reise ebenso gezeigt hat. Es gibt immer noch viele traditionelle Kleinbauern, die den Mais noch per Hand ernten, die Reispflanzen händisch einsetzen oder ihre Gemüsefelder für die Schädlingsbekämpfung zu Fuß durchkämmen. So vielfältig die Landwirtschaft in China ist, so unterschiedlich ist eben auch der Entwicklungsstand. Das Potenzial in China bleibt damit auch in Zukunft groß.

 

Raiffeisenzeitung Reportage_1

Raiffeisenzeitung Reportage_2





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