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Franz Hofer in der „Presse“

In der Printausgabe der Tageszeitung „Die Presse" erschien am 14. Jänner 2017 ein Artikel des Journalisten Dr. Stefan May. Im Mittelpunkt des Werks stand das VAÖ-Mitglied Chefredakteur i. R. Ing. Franz Hofer. Hier der Artikel (Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und der „Presse“):

 

„Wo die Bauern Millionäre sind“
Franz Hofer war noch Student der Landwirtschaftsschule Wieselburg, als er sich 1961 um einen besonderen Praktikumsplatz bewarb: in einer Genossenschaft der DDR. Über Mauerbau, Mauerfall und das kleine Kartoffelglück in Oberwiera, Sachsen.

Von Stefan May

Wo die Bauern Millionäre sind“: Ein Transparent mit dieser Aufschrift über dem Stand der DDR hatte den jungen Besucher der Welser Landwirtschaftsmesse neugierig gemacht. Der damalige Student der Landwirtschaftsschule Wieselburg wollte jenes Land näher kennenlernen und bewarb sich für ein Praktikum in der DDR während der Sommerferien. Prompt erhielt er einen Platz in einer LPG, einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, in Sachsen.
Seither ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen, Franz Hofer ist heute 80 Jahre alt. Er stammt von einem Bauernhof im Mühlviertel. Nachdem er die Höhere Landwirtschaftsschule absolviert hatte, arbeitete er bis zu seiner Pensionierung als Redakteur einer österreichischen Agrarzeitung.

Soeben hat er sein Auto vor dem einstigen Rittergut in Sachsen abgestellt, auf dem er im Sommer 1961 praktizierte. An der Fassade der lang gestreckten Bauten steht in großen Lettern „Agrargenossenschaft Oberwiera“ geschrieben. „Damals war das eine LPG, die ein Aushängeschild war“, erzählt Hofer. „Ich habe schnell bemerkt, dass alle Genossenschaften rundherum nicht in dem Leistungszustand waren wie diese hier.“ Man hatte den damals 25-jährigen Agrarstudenten in einen Vorzeigebetrieb gesteckt.

Hofer durfte auswählen, in welcher Sparte er arbeiten wollte, und er suchte sich die etwa zwei Dutzend Mann starke Traktorenbrigade aus, weil er an Technik interessiert war. 1740 Hektar groß war der Betrieb, später kam noch ein mächtiger Stall mit 400 Kühen dazu. Abgesehen von der Größe der LPG, war die Arbeit in der DDR-Landwirtschaft nicht viel anders als zu Hause. Es gab aber einen gravierenden Unterschied: Die Arbeitskräfte waren nicht rund um die Uhr einsetzbar. Nur zur Erntezeit wurde auch am Sonntag gearbeitet. „Es hat im Prinzip einen Acht-Stunden-Tag gegeben, der allerdings variiert worden ist.“
Die Produktivität der österreichischen Landwirtschaft war höher als jene in der DDR, erinnert sich der Agrarjournalist: „Das lag aber daran, dass sie zum Teil zu wenig Dünger hatten, Pflanzenschutzmittel fast überhaupt nicht.“ Das Ende des freien Bauerntums in der DDR lag in Hofers Praktikumsmonaten im Sommer 1961 noch nicht lang zurück. Die Kollektivierung hatte neun Jahre zuvor mit der Gründung der ersten LPGs begonnen und war erst 1960 abgeschlossen worden.
Einige ehemalige Bauern waren mit Begeisterung dabei, doch der überwiegende Teil der Zwangsgenossenschafter hatte sich in sein Schicksal gefügt. Das aber ließen sie den Praktikanten aus Oberösterreich anfangs nicht merken: „Die haben nämlich geglaubt, ich wäre von der österreichischen kommunistischen Partei delegiert worden. Und deswegen wollten sie nichts sagen, denn wirkliche Kommunisten waren nur wenige unter ihnen.“
 
Mauerbau und Marschmusik
Der 13. August 1961 war ein Sonntag, ein freier Tag für den Gast aus Österreich. Franz Hofer nutzte ihn, um Leipzig kennenzulernen. „Das Datum vergesse ich nie. Ich habe gar nichts gewusst, denn der Mauerbau hatte ja in der Nacht davor begonnen.“ Er erfuhr die Neuigkeit auf den öffentlichen Plätzen aus Lautsprechern, die Marschmusik und Propaganda von sich gaben. Begründungen, warum die Mauer gebaut werden müsse: „Weil es so viele westliche Saboteure gebe, die ausgegrenzt werden müssten – es war aber genau umgekehrt.“ Ein Kollege Hofers vertraute sich ihm tags darauf enttäuscht an: „Mensch, Franz“, sagte er zu ihm, „wenn ich das gewusst hätte, wäre ich gestern noch abgehauen.“

Inzwischen ist alles anders. Aber nicht ganz. Aus der LPG ist nach der Wende eine Genossenschaft mit 1235 Hektar geworden, davon 100 Hektar Grünland und doppelt so viel Futterrübenanbau. Von der Fläche her ist der Betrieb also etwas kleiner als früher. Nach wie vor werden auch 400 Kühe gehalten. Knapp 30 Menschen sind in der Agrargenossenschaft Oberwiera beschäftigt, von den ehemaligen LPG-Genossen sind die meisten auch in der Nachfolgegesellschaft geblieben.
„Ganz wenige haben sich da verabschiedet. Das sind am Anfang drei, vier Betriebe gewesen“, sagt der derzeitige Leiter, Bringfried Berger. „Die meisten haben auch schätzen gelernt: Es konnte auf Urlaub gefahren werden. Und wenn jemand krank geworden ist, ist nichts passiert.“
Franz Hofer ist die Stufen zum Verwaltungstrakt der Genossenschaft hinaufgestiegen und wird von den Damen im Büro freudig begrüßt. Er ist immer wieder zurückgekommen an den Ort seines Praktikums. Nach der Wende war er oft mit Bauern aus Oberösterreich da, um ihnen diese andere Form von Landwirtschaft zu zeigen. Wie immer hat er auch diesmal ein paar Gastgeschenke aus der Heimat dabei, Speck und eine Flasche Schnaps.

Nun sitzt er mit dem Genossenschaftschef im Konferenzraum. Bringfried Berger kennt Franz Hofer nicht von dessen Praktikantenzeit, denn im Jahr des Mauerbaus war er noch ein Kind. Zur Wende war er 35 Jahre alt – für ihn und seine Frau das richtige Alter, um das Management des neuen Betriebs zu übernehmen, wie er sagt. Viel produktiver sei man inzwischen geworden. Wichtig sei, so Berger, dass man heute selbst entscheiden könne, was man anbauen wolle, und dies nicht mehr vorgeschrieben bekomme. „Durch den intensiven Kartoffelanbau sind wir vom Umsatz wie auch von der Ökonomie her schon ein relativ starker Betrieb.“

In Oberwiera sind die einst ungeliebten Kartoffeln sogar zum wichtigsten Produkt des Betriebs geworden. „Die mussten Kartoffeln anbauen, obwohl sie es nicht wollten, weil es zu wenig gebracht hat. Aber es war vorgesehen für dieses Gebiet“, sagt Franz Hofer nach dem Besuch „seiner“ einstigen LPG. Seiner Meinung nach macht die Genossenschaft heute mit der Kartoffelproduktion ein ausnehmend gutes Geschäft. Sie beliefert ein Kartoffel-Verarbeitungsunternehmen, dessen knallgelbes Werksgebäude von der Autobahnabfahrt weithin leuchtet. Die Genossenschaft besitzt einen Anteil an dem Betrieb.

Den deutlichsten Unterschied zwischen der LPG von 1961 und der Genossenschaft von heute, sieht Hofer im Wegfall der Planwirtschaft. Sie ließ nur geringe Spielräume. „Leider haben damals vor allem die Parteisekretäre großen Einfluss gehabt. Und die, auch wenn sie wollten, waren meistens fachlich ungebildet.“ Die Brigadeleiter hingegen waren gestandene Landwirte. „Die haben sich zwar um die da oben nicht geschert oder versucht, sich nicht zu scheren, aber das Bäuerliche, das haben sie gehabt. Wenn sie mit ihren Leuten haben umgehen können, dann haben sie auch etwas erreicht.“

Franz Hofer setzt seine Fahrt fort durch endlose Felder und kleine, verschlafene Dörfer. Nach ein paar Kilometern hat er Glauchau erreicht. Am Rand der Kreisstadt führt ein schmaler Weg zwischen Obstbäumen zu einem Gehöft in der Senke zwischen Straße und Bahndamm. Die Frau, die er besucht, hat früher auch in einer LPG gearbeitet, kein Vorzeigebetrieb wie in Oberwiera. Sie hatte jedenfalls nach der Wende die Nase voll von unfreiwilliger Disziplin, verordneter Planwirtschaft und Brigaden und wurde zur sogenannten Wiedereinrichterin.

Barbara Seidl ließ 1991 den elterlichen Hof und dessen Grundstücke aus der LPG herauslösen, um ihn künftig allein zu bewirtschaften. „Natürlich war es am Anfang schwierig einzuschätzen, was man sich zumuten kann, gerade als Frau alleine, ohne Ahnung“, gibt die Landwirtin zu, die an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Tierproduktion studiert hat. „Ich komme von dem Hof hier. Meine Großeltern und später meine Eltern haben ihn noch bewirtschaftet. Natürlich ist eine Generation ausgefallen. Ich hatte niemanden mehr, den ich fragen konnte. Mein Großvater ist gestorben, mein Vater ist gestorben.“

Sie waren fünf Landwirte, die sich aus der LPG verabschiedeten und als Wiedereinrichter neu begannen. Trotz ihrer Zusammenarbeit waren sie sich einig: LPG machen wir nicht mehr. „Wir sind damals belächelt worden von unseren Exarbeitskollegen, so nach dem Motto: Na, lass mal, im Herbstsind die wieder da, das wird sowieso nichts. So was spornt natürlich extra an.“ Die gegenseitige Hilfe der Wiedereinrichter brachte sie alle auf die Beine. Franz Hofer lernte Barbara Seidl anlässlich der Vermittlung eines gebrauchten Steyr-Traktors aus Österreich kennen. Mit 26 Hektar hat sie angefangen, inzwischen hat sie zugekauft und zugepachtet.
 
„Blechkuh“ vor der Tür
Seit mehr als sieben Jahren steht auch eine Blechkuh vor der Tür, wie Barbara Seidl die zwei grünen Türme ihrer Biogasanlagenennt. Reich geworden ist sie damit bisher nicht: Erst gab es lange Zeit Probleme mit deren Betrieb, dann ließ die Politik mit der Novelle zum Erneuerbaren-Energie-Gesetz die Bioenergie insgesamt fallen. Dennoch bezeichnet sich Barbara Seidl als in ihrem Beruf glücklich.

Den traditionell gewachsenen Bauernstand über Generationen gibt es aber in Deutschlands Osten nicht mehr. Als Franz Hofer nach der Wende mit Landwirten aus Oberösterreich in der ehemaligen LPG zu Gast war, ließen sich die meisten von den Vorzügen von geregelter Arbeitszeit, Urlaub und Krankenstand in einer Genossenschaft nicht überzeugen. Undenkbar, lautete der Tenor der Besucher, wenn das nicht mehr mein Grund und Boden sein soll, den meine Familie seit Jahrhunderten bewirtschaftet hat.

Anderen hingegen hat die Betriebsgröße der ostdeutschen Genossenschaften imponiert. Ihnen hat Hofer geantwortet: „Ja, aber habt ihr euch überlegt, was da passiert ist, damit diese Betriebe entstanden sind? Wie viele da aufgeben mussten damals, im kommunistischen System? Da haben sie mich groß angeschaut.“

Zu wachsen ist heute ein ökonomischer Zwang. Sowohl Bringfried Berger als auch Barbara Seidl erwähnten, dass sie stets auf der Suche nach neuen Gründen seien, die sie kaufen oder pachten könnten. Doch Agrarfläche ist ein knappes Gut geworden. Immer weniger Menschen können heute immer mehr Fläche bewirtschaften. Regelmäßig tauchten während Hofers Fahrt durchs Erzgebirge überwachsene Gehöfte neben der Straße auf, romantisch verwunschen erscheinende Ruinen mit schiefen, bröckelnden Mauern, die sich die Natur zurückzuerobern im Begriff steht, einstige Bauernhöfe, die ganze Familien ernährt haben. Die Landwirtschaft ist durchökonomisiert und kein Faktor für den Arbeitsmarkt mehr. Im Vergleich dazu scheint Franz Hofers LPG-Praxis von 1961 Lichtjahre entfernt zu sein.


09.02.2017






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